Zammzwicken bitte! Ein Nachmittag bei der Beckenboden-App pelvina

Aktualisiert: Jan 30

Kathrin hat Sport, Gesundheit und Prävention in Köln studiert und Gesundheitsjournalismus in Magdeburg. Seife verkaufen ist ihr zu langweilig, deswegen arbeitet sie im E-Health-Startup Temedica als Produktmanagerin von pelvina, trinkt Kaffee, spielt ein bisschen N64 und geht um punkt 16:30 Uhr nach Hause. Heute steht sie mir Rede und Antwort. Hi Kathrin.

1. pelvina ist der erste zertifizierte digitale Beckenbodenpräventionskurs per App – das heißt, die Teilnehmerinnen bekommen bis zu 100% der Kursgebühr von ihrer Krankenkasse zurück (wie bei einem Rückenkurs): Gab es Herausforderungen bei der Zertifizierung? Wie habt ihr sie gelöst?

Ja tatsächlich hatten wir Respekt vor der Zertifizierung. Die Kriterien der Zentralen Prüfstelle Prävention richten sich in erster Linie an Offline-Kurse, die vor Ort durchgeführt werden. Das hat uns das Leben als Online-Angebot an manchen Stellen etwas schwieriger gemacht. Aber wie das in einem Start-up eben ist, wird nicht rumgeheult, sondern an der Lösung gearbeitet.

Beispielsweise haben wir anfangs befürchtet, dass wir unsere Nutzerinnen eine knappe Stunde am Stück zwingen müssten, auf ihr Handy zu gucken und pelvina durchzuackern. Denn in einem Offline-Kurs dauert eine Kurseinheit 45 bis 50 Minuten. Das haben wir aber klug gelöst und sogar zu einem großen Vorteil von pelvina gemacht. Wir haben jetzt jeden Themenblock in mehrere kleine Häppchen unterteilt. Damit können unsere Nutzerinnen ihren Kurs super flexibel gestalten. Übrigens hat unsere Zertifizierung trotz solcher innovativen Lösungen direkt beim ersten Versuch geklappt – das haben wir mit viel Konfetti gefeiert!


Life-Hacks für Neu-Mamas


2. Habt ihr Ärger mit Beckenbodentrainerinnen, die Vor-Ort-Kurse anbieten, weil ihr um die gleiche Zielgruppe kämpft?

Nein, im Gegenteil. Wir begegnen ständig Beckenbodentrainerinnen, die sich über unser Angebot freuen und uns sogar weiterempfehlen. Das ist das Schöne in unserer Branche – in erster Linie verfolgen wir alle das gleiche Ziel: nämlich,

1) dem Beckenboden mehr Aufmerksamkeit zu schenken und

2) mehr Frauen darin zu unterstützen, ihren Beckenboden zu stärken. Auf Messen und auch in sozialen Netzwerken treffen wir auf so viele liebe Beckenbodentrainerinnen, die unsere Idee voll und ganz unterstützen. Auch wir freuen uns für jede Frau, die einen Präsenz-Beckenbodenkurs in der Nähe findet. Die Kolleginnen und Kollegen da draußen machen einen tollen Job. Was aber tun, wenn kein Präsenzkurs in der Nähe ist, oder die Kurszeiten nicht passen? Dann gehen diese Frauen häufig leer aus oder basteln sich mühsam selbst ein Programm aus Youtube-Videos zusammen.

Eine Sache bereitet uns aber trotzdem manchmal Schweißperlen auf der Stirn. Nämlich, dass viele Frauen uns mit einem Rückbildungskurs verwechseln. Das sind wir nicht. Wenn wir dazu Anfragen bekommen, versuchen wir so gut es geht, weiterzuvermitteln. Deswegen stehen wir mit vielen Hebammen in Kontakt. Besonders freut uns, wenn uns dann Hebammen anschreiben, dass sie pelvina gerne an ihre Patientinnen empfehlen, sobald diese die Rückbildung abgeschlossen haben. Viele frischgebackene Mamas möchten weiter an ihrem Beckenboden arbeiten und da kommen wir gerne ins Spiel ;-)


3. Wie entstand die Idee zu eurer Beckenboden-App?

Gloria und Clemens, unsere beiden Gründer, haben ein sehr gutes Netzwerk bestehend aus Ärzten und Physiotherapeuten. Diese haben uns deutlich gemacht, wie groß die Versorgungslücke im Bereich Beckenbodentraining ist und wie belastend „Blasenschwäche“ für die Lebensqualität ist. Außerdem haben wir herausgefunden, dass pro Jahr ganze 1,8 Milliarden Euro für Inkontinenz-Hilfsmittel ausgegeben werden! Als wir dann einen ersten Prototypen hatten und diesen mit Familie und Freunde getestet haben, haben wir festgestellt, dass das Thema Blasenschwäche selbst in unseren Bekanntenkreisen eine Rolle spielt – nur hat niemand darüber offen gesprochen.

Gloria und Clemens, Gründer der Temedica GmbH

4. Klingt spannend, wie verkauft man denn ein Thema, über das keiner spricht und Gesundheit, die in der Zukunft liegt?

Ja es ist eine Challenge, aber genau das macht für mich den besonderen Reiz aus. Gesundheit kannst du eben nicht so wie Seife verkaufen, à la: „Gesundheit riecht so schön und fühlt sich so weich an, jetzt kaufen!“. Es geht um Lebensstile und Verhaltensänderungen.

Zunächst schaffen wir Bewusstsein für das Thema und klären auf. Wenn man nicht weiß, was die Konsequenzen von einem zu schwachen Beckenboden sein können - wie soll man das Thema dann für sich bewerten?

Wenn es das Thema dann auf die Agenda geschafft hat, muss es sich aber auch noch verkaufen. Dazu braucht es eine Aktivierung und eine Motivation. Ich habe dazu sogar selbst Untersuchungen gemacht, ob sich auch Schreckensbotschaften wie die auf den Zigarettenschachteln für Prävention lohnen. Sowas wie: „Bewegungsmangel ist tödlich“.


… haha, das klingt ja bedrohlich. Hat es funktioniert?

Fazit: Es funktioniert nicht, damit Prävention zu verkaufen – aber es erzeugt Aufmerksamkeit! Das ist ja auch schon mal was. Also, mit dem erhobenen Zeigefinger verkauft man Prävention nicht. Das kann eher zu Abwehrreaktionen führen. Gesundheit zu erhalten, darf keine lästige Aufgabe sein. Es muss etwas sein, was man gerne tut, was sinnhaft ist und auf einer tiefen intrinsischen Motivation ruht. Das bedeutet, unsere Nutzerinnen müssen selbst ein Bedürfnis entwickeln, sich um ihre Gesundheit kümmern zu wollen.

Wir versuchen das zu unterstützen, indem wir ein Bewusstsein für den Wert und die Anwesenheit von Gesundheit schaffen und in den Dialog mit unserer Zielgruppe treten. Jede von uns kennt das – der Alltag ist oft so voll gepackt mit Todo-Listen, Terminen und Überraschungen, alles geht so schnell. „Gesund zu sein“ ist irgendwie selbstverständlich. Etwas, das schon immer da war und um das man sich nicht kümmern muss. Diese Wahrnehmung versuchen wir zu verändern. Liebevolle Illustrationen, Postkarten, Sticker, Natürlichkeit und eine gesunde Portion Humor helfen uns dabei.


5. Wie reagieren die Leute, wenn sie zum ersten Mal von pelvina hören?

Die einen machen große Augen, weil sie denken, Blasenschwäche ist nur was für Omis und Opis – da klären wir dann immer erst einmal auf. Die anderen machen große Augen, weil sie nach genau so etwas gesucht haben. Besonders frisch gebackene Mamis wissen es zu schätzen, dass sie mit unserem Kurs per App so flexibel wie möglich trainieren können. Wir bekommen so viele liebe Nachrichten und einige bunte Emojis von unseren Nutzerinnen, dass wir danach immer fröhlich durchs Büro hüpfen. Es ist schön, wenn unser Produkt wirklich Frauen helfen kann und wir eine echte Beziehung zu unseren Nutzerinnen aufbauen.


6. Du hast es oben schon erwähnt, eure Mission ist es, Blasenschwäche zu enttabuisieren. Wie macht ihr das?

Schritt 1: Druck und Drama rausnehmen.

Zunächst einmal muss die Anspannung wegfallen. Humor kann da helfen. Wir müssen aber ein gutes Fingerspitzengefühl dabei haben. Da ist jeder unterschiedlich und für Betroffene ist es überhaupt nicht lustig. So arbeiten wir z. B. mit dem #beckenbodybuilder oder #beckenbodyguard. Das ist positiv und bringt zum Schmunzeln, aber dennoch nicht zu intim.

Schritt 2: An die Öffentlichkeit gehen. Klingt einfach, so ist es aber nicht. Tabu bedeutet, es gibt da draußen viele Menschen, denen es eben NICHT leicht fällt, darüber zu sprechen. Das respektieren wir. Wir möchten niemanden unter Druck setzen. Wenn aber da draußen andere Beckenbodenbotschafterinnen sind, die auf unseren Zug aufspringen möchten – dann „an Bord bitte!“. Und dafür müssen wir an die Öffentlichkeit. Wir können genug werden, um FÜR die anderen zu sprechen. Dann weiß auch bald jeder, dass Blasenschwäche eben NICHT nur Omis und Opis betrifft und dass auch Männer einen Beckenboden haben.

Für dieses Ziel sind wir also viel in sozialen Netzwerken unterwegs und haben seit zwei Wochen auch unseren eigenen Blog www.starker-beckenboden.de. Das Beste kommt aber noch: „öffentlich“ nehmen wir im September ganz wörtlich. Wir tüfteln nämlich gerade an einem Beckenboden-Event im Park, wie du ja weisst. Ab ins Grüne. Bisschen „Grashalme zupfen“, wie Eckard von Hirschhausen sagt. Freust du dich schon?


Schritt 3: Mit gutem Beispiel vorangehen.

Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache. Dann sage ich nicht, ich bin Produktmanager in einem E-Health-Start-up, sondern: Ich verkaufe eine Beckenboden-App zur Vorbeugung von Blasenschwäche. Ja, B-L-A-S-E-N-S-C-H-W-Ä-C-H-E. Und dann kommt danach meist ein heiteres und spannendes Gespräch in Gang. Das ist immer toll!


7. Ihr seid ein Start-up. Habt ihr auch so ein schickes Hipsterbüro mit flexiblen Arbeitszeiten, kreativen Kaffee-Pausen und digitalen Kommunikationstools a la “ich schreib dir ne Message und verlink dich, dann weisse bescheid?”, anstatt ins Büro nebenan zu gehen und das persönlich zu besprechen?

Unser deutsches Team sitzt in München zwischen der Theresienwiese und dem Hauptbahnhof. Hauptsächlich, damit wir nah genug dran an den Fahrgeschäften sind – also ich meine natürlich die S-Bahnen… (zum Hintergrund für Nicht-Münchner: Von Mitte bis Ende September findet auf der Theresienwiese das Oktoberfest statt).

Hier wird anscheinend schon mal für den Auto-Scooter trainiert.

Der restliche Teil unseres Teams sitzt in Spanien und Österreich. Für die Kommunikation nutzen wir dann tatsächlich auch Chattools.

Unser Team zählt mittlerweile über 20 Leute, ein Teil davon arbeitet aber auch für andere Produkte der Temedica GmbH. Wir wachsen wahnsinnig schnell. Noch im Herbst letzten Jahres haben wir uns zu Acht ein klitzekleines Büro geteilt. Das war kuschlig aber wenig romantisch – gerade, wenn man so eng beisammen sitzt, sind Chat-Tools ein Segen. Trotzdem komisch, wenn du neben deinem Kollegen sitzt und nicht laut mit ihm redest, sondern hin und her schreibst. Naja, jetzt haben wir ein cooles Hipsterbüro mit Nintendo 64, bunten Post-It’s an den Wänden und einem Taubenei auf dem Balkon.

8. Wie schaut‘s mit eurem Beckenboden-Training aus, seid ihr jetzt schon fleissig dabei?

Das Schöne ist ja, dass du deinen Beckenboden jederzeit im Alltag anspannen kannst ;-) Also ja. Vor allem, wenn man so viel drüber schreibt, dann kann man gar nicht anders, als ab und zu am Tag zu prüfen, ob er noch da ist. Wenn unser Taubenbaby geschlüpft ist, werde ich der Tauben-Mama einen pelvina-Ball ins Nest legen… den kann sie bestimmt auch gebrauchen.

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